Johann Paul Palmberger, Schafmeister

Am 07. Juni 1757 wurde mein 6-facher Urgroßvater Johann Paul Palmberger in Margarethen am Moos mit meiner 6-fachen Urgroßmutter Apolonia Schwander (verwittwete Piber) getraut. Margarethen am Moos liegt im südlichen Niederösterreich im Bezirk Bruck an der Leitha.

Auffällig am Trauungseintrag ist, dass sowohl Bräutigamvater, als auch Vorehemann der Braut und alle Trauzeugen Schafmeister sind. Auch der Bräutigam selbst hatte diesen Beruf – auch wenn es hier nicht erwähnt ist.

Der Beruf des Schafhirten oder Schafmeisters

Im Niederösterreich um 1700 unterschied man zwischen der herrschaftlichen Schäferei, die einem adeligen oder geistlichen Grundherrn gehörte, und der Gemeindeschäferei, die der gemeinsamen Viehhaltung eines Dorfes diente.

Die Schafmeister waren meist für Herrschaften tätig. Sie waren für die Leitung einer Schäferei, die Herdenbetreuung und die Organisation der Schafzucht verantwortlich und hatten Schafhirten und -knechte zur Hilfe. Während die herrschaftliche Schafhaltung auf Woll- und Tuchproduktion ausgerichtet war, dienten die Schafe der Bewohner eines Ortes, die von einfachen Schafhirten bewacht und versorgt wurden, zur Selbstversorgung mit Milch, Käse, Fleisch und natürlich auch Wolle. Gemeindehirten trieben die Schafe aller Ortsbewohner morgens zusammen auf die Gemeindeweide und mussten sie dort den ganzen Tag beaufsichtigen. Sie mussten auf Krankheitsfälle und andere Gefahren achten, die Weidegrenzen einhalten und dann jeden Abend die Tiere wieder zurück ins Dorf bringen. Die Hirten wohnten oft in einem gemeindeeigenen Viehhirtenhaus.

Die Dorfbewohner legten die Entlohnung der Schafhirten fest, unter anderem auf der Anzahl der betreuten Tiere basierend. Auch Naturalien wie Brot, Eier, Holz oder Obst konnten Teil der Entlohnung sein. Oft war auch eine Hütte im Dorfeigentum vorhanden, wo Hirten schlafen konnten.

Vor allem die Schafhirten und Knechte zogen viel herum, da ihre Anstellung oft nur auf ein oder wenige Jahre begrenzt waren. Schafmeister hingegen blieben länger an einem Ort, da ihre Anstellung bei der jeweiligen Herrschaft dauerhafter Natur war.

Schafhirten wurden von der bäuerlichen Bevölkerung eher mit Argwohn betrachtet, da sie den Tag auf der Weide verbrachten und nicht am Dorfleben teilhatten und viel herumzogen. Außerdem waren sie vom Waffendienst berfreit, da ihre Tätigkeit für die Versorgung der Tiere unentbehrlich war, was ihrem Ansehen keinen Vorteil brachte. Andererseits mussten sie wichtige Tätigkeiten ausführen und die Schafe bei Krankheit und Trächtigkeit versorgen, was durchaus etwas veterinärmedizinisches Wissen voraussetzte.

Genealogische Forschung von Schafhirten und Schafmeisterfamilien

Die soziale Isolation war sicher der Treiber dafür, dass Schafhirten fast ausschließlich untereinander heirateten, was man eben auch an der Familie Palmberger beobachten kann. Schäfer holten sich Kollegen aus der Umgebung als Paten. Durch deren Herkunfsorte könnten sich in der genealogischen Forschung Indizien dafür bieten, wie weit die Familien herumwanderten oder wo möglicherweise Tauf-, Trauungs- oder Sterbeeinträge für die gesuchte Familie zu finden sein könnten. Neben den Bezeichnungen Schafhirt, Schafknecht oder Schafmeister sind auch lateinische Begriffe wie „Opilo“, „Pastor Ovium“, „Villici Ovium“ oder „Ovium Inspector“ in niederösterreichischen Matriken zu finden.

Da Schäfer oft Verträge mit Städten oder Gutsherren abschlossen, besteht auch die Möglichkeit, sie in weltlichen Archivunterlagen oder Herrschaftsunterlagen wie Amtsrechnungen, Pachtverträgen oder Gerichtsprotokollen zu finden.

Familie Palmberger

Johann Paul war der Sohn von Johann Georg Palmberger, einem zur Zeit der Hochzeit bereits verstorbenen Schafmeisters aus dem ca 50 km entfernten Seyring im Weinviertel und dessen ebenfalls bereits verstorbener Frau Anna Maria. Die Heirat der beiden findet sich im Kirchenbuch Obersiebenbrunn am 28.04.1722. Nach dem Tod von Anna Maria am 27.07.1739 heiratete Johann Georg Palmberger in Seyring Eva Maria Böhm, die aus einer Esslinger Schafmeisterfamilie stammte (vermutlich im Jahr 1741 in Essling, leider fehlen die relevanten Kirchenbücher der Pfarre Groß Enzersdorf).

Nachfahren von Johann Georg Palmberger, hier auch als PDF Download

Johann Paul Palmberger wurde am 27.10.1724 in Obersiebenbrunn geboren. Seine Kindheit dürfte er in Seyring verbracht haben, wo sein Vater als Schafmeister arbeitete. Sein späteres Leben verbrachte er in Margarethen am Moos. Dort heiratete er am 07.06.1757 Appolonia Schwaner, die Witwe des Schafmeisters Augustin Piber, mit welcher er zwei Kinder hatte, bevor sie am 28.06.1763 mit nur 36 Jahren verstarb. Mit seiner zweiten Frau, Theresia Brünner (Trauung am 22.11.1763 – also nur fünf Monate nach dem Tod von Appolonia – in Unterwaltersdorf) hatte Johann Paul weitere sechs Kinder, von denen allerdings vier bereits in Kinder- oder Jugendjahren starben. Bei der Geburt der ersten Tochter wurde Johann Paul als „Villici Ovium“ bezeichnet, was Schafshofverwalter bedeuten sollte, während er bei den nachfolgenden Geburten seines Sohnes ein „Opilionis“ war, was eher einem Schafhirten entsprechen würde. Meine Interpretation wäre, dass dies kein beruflicher Abstieg war, sondern die Berufsbezeichnung eher vom Matrikenführer abhängig war. Er blieb über die Jahre sesshaft in Margarethen, was eine Anstellung auf einem Schafhof wahrscheinlicher machen würde. Anläßlich der Heirat seines Sohnes Johann am 23.11.1784 wurde er jedenfalls klar als „herrschaftlicher Schafmeister“ deklariert. Allerdings zuvor, im Jahr 1774 wurde er bei der Geburt eines Sohnes als „quondam opilionis, nuc incola“ – einst Schafhirte, jetzt Einwohner – bezeichnet, er dürfte also mittlerweile 60jährig im Ruhestand gewesen sein. Johann Paul Palmberger verstarb im Alter von 70 Jahren am 13.10.1795 an Abzehrung.

Allein die drei Generationen – Johann Georg Palmberger und seinen Nachkommen – waren in folgenden Orten tätig:

Karte mit KI erstellt

Während die Palmbergers oft in jungen Jahren Schafhirten waren und häufiger ihre Wohnorte wechselten, wurden sie oft in späteren Jahren sesshaft und waren in den Matriken als „Schafmeister“ bezeichnet. Auch Töchter und Witwen heirateten Schafmeister aus der jeweiligen Umgebung.

Auch Anna Maria Palmberger, die Mutter von Johann Paul Palmberger war vor ihrer Trauung mit Johann Georg mit einem Schafmeister verheiratet, Johann Georg Luz. Sie hatten eine Tochter, Anna Maria Luz, die im Jahr 1740 in Seyring Joseph Zetl heiratete. Anläßlich dieser Trauung wird Johann Georg Luz als „gewester ovium inspectoris aus Sichtigführ“ bezeichnet.

Pfarre Pillichsdorf, Trauungsbuch 1676-1758, Signatur 02-03, Seite 03-Trauung_0405

Das Gut Siehdichfür – Schafhof bei Gänserndorf

Das Gut Siehdichfür liegt im Marchfeld bei Gänserndorf Süd und gehört zu den Landwirtschaftsbetrieben des Wiener Schottenstifts. Siehdichfür war ursprünglich ein Schafhof. Das Gebiet gehörte zunächst zur Herrschaft Schönkirchen. Es wurde an Siegmund Landau, den Inhaber der Herrschaft Dürnkrut, verkauft. 1719/1720 ist ein Streit zwischen dem Besitzer des Schafhofes und den Gänserndorfer Bauern wegen der Weiderechte dokumentiert. 1727 kam der Hof zur Herrschaft Wolkersdorf und 1822 zur Herrschaft Schönkirchen. Die Schafzucht ging mit der zunehmenden Urbarmachung und Aufforstung zurück und erlosch um 1900.

In der Beschreibung von Freiherrn von Schweickhardt im Jahr 1835 ist besonders bemerkenswert, dass es damals 1200 Schafe auf dem Gut gab. Der Hof wird als einzeln gelegen, nach älterem Stile erbaut und mit Schindel und Stroh gedeckt beschrieben. Er lag in „einer der ebensten Gegenden des Marchfeldes, wo in weiter Runde weder ein Baum, ein Haus, oder eine Quelle, sondern nur, wie in einer Sandwüste, hier und da Strecken röthlichen Haidegrases zu sehen sind.“ Die Gefährlichkeit der offenen Lage wird ebenfalls hervorgehoben, was zur folgenden Legende passt, wie der Hof seinen Namen erhielt:

Gemäß einer Sage soll sich hier im Mittelalter eine Einsiedelei befunden haben, deren Mönche allen Reisenden Verpflegung und auch ein Bett gewährten. „Es kamen immer mehr schutzsuchende Wanderer, die an die Klostertüre klopften. Aus lauter Freude, so vielen Menschen Herberge bieten zu können, gewährten die Mönche allen Einlass. Bald stellte sich jedoch heraus, dass manche Gesellen mehr wollten als die Klostersuppe und eine trockene Liegestätte. Sie ermordeten die Mönche, schlüpften in deren Kutten und beraubten und ermordeten fortan alle anderen Herbergsuchenden. Erst als bekannt wurde, dass nur jene Reisenden lebend ihr Ziel erreichten, die nicht in „Siehdichfür“ Halt machten, konnten die falschen Mönche dingfest gemacht werden.„

Helmahof der Herrschaft Seyring

Meine direkten Vorfahren aus Seyring waren vermutlich eher auf dem Helmahof bei Deutsch-Wagram tätig, welcher der einzige Schafhof der Herrschaft Seyring war. Um 1771 werden dort ausdrücklich Schäfer erwähnt, die sich über die schlechten Weideverhältnisse beklagten. Der Helmahof gehörte bis 1775 zur Pfarre Pillichsdorf. Erst danach wurde er bis 1784 von Gerasdorf aus betreut. Die Akten der Herrschaft Seyring befinden sich im Wiener Stadt- und Landesarchiv.

Maria Theresias Förderung der Schafzucht

Nach der Lebenszeit von Johann Paul Palmberger gab es eine gezielte staatliche Förderung der veredelten Schafzucht, um die Woll- und Tuchqualität zu verbessern. So wurde in 1772 eine Anleitung zur Verbesserung der Schafzucht veröffentlicht und im Jahr 1775 fasste Kaiserin Maria Theresia den Beschluss, ausgewählte Zuchtschafe unentgeltlich an interessierte Besitzer abzugeben. Die Empfänger sollten später eine entsprechende Zahl junger Tiere zurückgeben, damit sich die Zucht verbreiten und die Qualität der Landeswolle verbessern konnte. Als Zuchtbasis diente die kaiserliche Schäferei in Mercopail mit spanischen und paduanischen Tieren.

Quellen

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