Woran starben unsere Vorfahren? Wassersucht

Eine Todesursache, die mir immer wieder unterkommt bei der Ahnenforschung, ist die Wassersucht.

Was steckt hinter der Bezeichnung „Wassersucht“?

Im folgenden versuche ich, die Wassersucht im historischen Kontext zu erläutern, um zu verstehen, wie unsere Vorfahren diese Krankheit wahrgenommen haben. Dazu habe ich einige historische medizinische Bücher gefunden:

Einleitend bietet Meyers Konversationslexikon folgende Definition (1):

„Krankhafte Ansammlung von wasserähnlicher Flüssigkeit im Körper, ein Sympthom eines schweren, meist Herz- oder Nierenleidens.“

Matthes Wassersucht

Bild: Johann Gottfried Matthes (Mathes), Der Wunder-Doctor Mathes. Berl: Mon. Schr. 1784. Nov. S. 445. Etching, 1784. Credit: Wellcome Collection. CC BY

 

Je nachdem, wo sich die Wasseransammlung gebildet hat, sprach man von Brust-, Bauch-, Gehirn-, Kniegelenk- oder Hautwassersucht.

„Die wassersüchtigen Flüssigkeiten, aus dem Blut, bestehen aus Wasser mit geringem Eiweiß- und Salzgehalt, sind klar, gelblich, zuweilen trübe. – Allgemeine Wassersucht etnsteht durch chronische Ernährungsstörungen mit allzu wasserreichem Blut und oft durchlässigen Blutgefäßwänden (Eiterungen, Skorbut), bei chronischen Nierenentwzündungen und bei Blutstauungen infolge Kreislaufstörungen (Herzschwäche). Örtliche Wassersucht entsteht durch Entzündung der Körperhöhlenmembranen (Gehirnwassersucht, Wasserbruch, Gelenkentzündung, Brustwassersucht) oder lokal durch örtliche Kreislaufhindernisse, z.B. Thrombose.“

An den folgenden Personen in meinem Stammbaum, die alle an Wassersucht verstarben, sieht man, dass diese Krankheit von Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als Todesursache in Kirchenbüchern zu finden ist.

Name

Todesdatum

Alter 

Todesort

Bezeichnung

Johann Puxbaum

10.03.1791

67 Jahre

Thaures, Niederösterreich

Wassersucht

Leopold Leuthner

16.03.1792

49 Jahre

Pfösing, Niederösterreich

Wassersucht

Catharina Übelbacher

14.04.1795

58 Jahre

Freyen, Niederösterreich

Wassersucht

Johann Schindl

22.10.1798

76 Jahre

Gopprechts, Niederösterreich

Wassersucht

Anna Maria Kramer

18.12.1804

75 Jahre

Kleinrötz, Niederösterreich

Wassersucht

Georg Schauer

03.06.1807

7 Jahre

Thann, Niederösterreich

Brustwassersucht

Maria  Blümelhuber

01.11.1808

69 Jahre

St. Peter in der Au, Niederösterreich

Wassersucht

Franz  Haas

21.10.1809

59 Jahre

Pfösing, Niederösterreich

Wassersucht

Anna Maria Klesch

19.08.1811

50 Jahre

Leiding, Niederösterreich

Wassersucht

Magdalena Miz

18.12.1824

62 Jahre

Stixenstein, Niederösterreich

Brustwassersucht

Joseph Feyrtag

22.01.1829

82 Jahre

St. Peter in der Au, Niederösterreich

Wassersucht

Theresia Knie

26.06.1829

8 Monate

Floridsdorf, Wien

Wassersucht

Theresia Muth

25.05.1847

40 Jahre

Ladendorf, Niederösterreich

Brustwassersucht

Johann Georg Feyrtag

16.07.1849

65 Jahre

St. Peter in der Au, Niederösterreich

Brustwassersucht

Josefa Faschingleitner

14.01.1852

31 Jahre

Ybbsbachamt, Niederösterreich

Brustwassersucht

Anna Maria Scheiderer

10.09.1858

61 Jahre 

Pfösing, Niederösterreich

Herzwassersucht

Elisabeth Redl

21.04.1859

62 Jahre

Altmanns, Niederösterreich

Brustwassersucht

Josepha Wiesinger

09.03.1863

59 Jahre

Linz, Niederösterreich

Wassersucht

Anton Zimmel

07.07.1869

63 Jahre

Wielandsberg, Niederösterreich

Wassersucht

Juliana Manhart

19.01.1875

64 Jahre

Pfösing, Niederösterreich

Brustwassersucht

Theresia Fida

14.05.1877

77 Jahre

Aalfang, Niederösterreich

Allgemeine Wassersucht

Maria  Wallner

24.07.1878

24  Jahre

Bürg, Niederösterreich

Wassersucht

Joseph Prankl

30.10.1882

71 Jahre

Gresten, Niederösterreich

Wassersucht

Juliana Knie

17.01.1886

43 Jahre

Putzing, Niederösterreich

Wassersucht

Adolf Dumser

20.06.1892

11 Jahre

Amaliendorf, Niederösterreich

Wassersucht

Mit ist natürlich bewußt, dass diese Aufstellung keine statistische Signifikanz hat, aber es ist auffällig, dass die an Wassersucht verstorbenen Personen doch eher älter waren, meist über 50 und dass mehr Frauen betroffen waren als Männer.

Es deckt sich mit der Festellung im Handbuch der praktischen Arzneiwissenschaft 1830 (2, Seite 37), wo – zugegebenermaßen etwas unhöflich nach heutigen Standards – festgestellt wird:

„In den meisten Fällen ist die Wassersucht eine Krankheit der Schwäche und kommt daher häufiger bei bejahrten Individuen und beim weiblichen Geschlecht vor.“

Krankheitsverlauf:

Im Jahr 1830 wurde der Verlauf der Krankheit folgendermaßen beschrieben (2, Seite 37 und 38):

„Die Krankheit nimmt bald einen rascheren, bald einen langsameren Verlauf. Bei langsamerem Verlaufe magert der Kranke ab, die Ausleerungen vermindern sich, die Kräfte schwinden. Hat aber die Krankheit einen rascheren Verlauf, so entwickelt sich ein hektisches Fieber, der Durst nimmt zu (…).“

„Auffallend war es schon dem Aretäus, dass Wassersüchtige eine große Gelassenheit, Ruhe und Geduld zu zeigen pflegen.“

Aretäus war übrigens ein Arzt, der im antiken Griechenland im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt lebte und der Lehre von Hippokrates folgte.(4)

Behandlung:

Nach dem Handbuch der praktischen Arzneiwissenschaft aus dem Jahr 1830 (2) war schon damals die Einteilung in allgemeine und örtliche Wassersucht für die Behandlung der Krankheit entscheidend. Bei örtlichem Auftreten, war die „Ausleerung“ vielversprechend. Die allgemeine Wassersucht war deutlich gefährlicher:

„Wenn bedeutendere Organe, besonders des Unterleibs, beträchtlich in ihrer Organisation verletzt sind, so ist keine Heilung zu hoffen.

In einem älteren Buch von der Wassersucht (1762 „aus dem Englischen verdeutscht“) wird folgender positiver Fall berichtet (Seite 89):

„Diese Nachricht habe ich von Herrn Wayne, dem Apotheker in der Korkstraße. – Ein Bauersmann, der lange Zeit an einer Bauchwassersucht krank gewesen war, und viele Artztneyen, ohne Besserung darauf zu spüren, genommen hatte, bekam zuletzt den Rath, er sollte Knoblauch essen. Auf den Gebrauch dieses Mittels gab er häufig Harn von sich und ward in kurzer Zeit von seiner Wassersucht befreyet.“

Mittel, welche den Harndrang steigerten, boten gewisse Heilungschancen. Wacholderbeeren, Vogelbeeren, Holunderwurzel oder Wermuth  wurden 1865 beispielsweise als heilsam beschrieben. Weiters wurde mit Bier abgekochte Brunnenkresse oder der ausgepresste Saft von Kellerasseln in weißem Wein empfohlen. Auch Ofenruß, Terpentinöl und Tabaksasche wurden als Volksheilmittel beschrieben. Weiters wird auch die Asche von verbrannten Kröten erwähnt. (7, Seite 148)

Bilder: Wacholderbeere, Illustration aus Köhler’s Medizinalpflanzen des Sadebaumes  (Juniperus sabina), gemeinfrei über Wikipedia
Kellerasseln, Fritz Geller-Grimm, CC BY-SA 2.5  über Wikipedia
Pigmentruß, gemeinfrei über Wikipedia

Im Jahr 1874 ist in einem Buch über Heilmittel (6, Seite 5) hervorgehoben, dass es aufgrund der verschiedenen Ursachen der Krankheit nicht ein universelles Heilmittel zur Wassersucht geben kann. Das „Anzapfen“ des Wassers wurde als wenig erfolgsversprechend bezeichnet, da das Wasser wieder auftritt.

Moderne Medizin:

Heutzutage wird die Wassersucht auch als Ödem bezeichnet.

Ein Ödem entsteht, wenn Wasser aus den Gefässen heraustritt und sich im Gewebe oder in bestimmten Körperräumen wie der Bauchhöhle ansammelt. Ödeme treten bei zahlreichen Erkrankungen und Stoffwechselstörungen auf. Manchmal sind sie vorübergehend und harmlos (z.B. durch hormonelle Veränderungen vor der Regelblutung). Die Wassersucht kann aber auch durch eine schwere Krankheit entstehen (wie Herzinsuffizienz oder Leberzirrhose). (…)

Um bei einem Ödem (Wassersucht) die richtige Therapie zu finden, ist es wichtig, die Grunderkrankung zu erkennen und zu behandeln (z.B. medikamentöse Behandlung einer Herzinsuffizienz). Als langfristige Therapie des Ödems stehen Bewegung, Sport und Physiotherapie an erster Stelle (…).

Die Wassersucht, die früher oft einen tödlichen Verlauf hatte, ist heutzutage – wie viele anderer Krankheiten – aufgrund der Errungenschaften der Medizin in vielen Fällen heilbar.

 

Quellen:

(1) Meyers Kleines Konversationslexikon, siebente Auflage 1910, sechster Band, Eintrag „Wassersucht“

(2) Handbuch der praktischen Arzneiwissenschaft oder der speziellen Pathologie und Therapie: Handbuch der Gelbsucht, Wassersucht und Windgeschwulst, des Scorbuts, der Fleckenkrankheit, Skrofelkrankheit, Rhachitis, Syphilis und der Wurmkrankheit, Band 5 Autor: Karl August Wilhelm Berends, Haykul, 1830 über Google Books: https://books.google.at/books?id=QZs_AAAAcAAJ&hl=de&pg=PA1#v=onepage&q&f=false

(3) Von der Wassersucht und ihren besondern Gattungen, Donalt Monro, aus dem Englischen verdeutscht, Leipzig 1762 über Google Books:
 https://books.google.at/books?id=X54_AAAAcAAJ&pg=PT6&dq=wassersucht&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwi9-aP8hODlAhWlAxAIHZXtBIAQ6AEIMTAB#v=onepage&q=wassersucht&f=false

(4) Wikipedia, Eintrag Aretaisos: https://de.wikipedia.org/wiki/Aretaios

(5) Homepage Beobachter, Herausgeber: Ringier Axel Springer Schweiz AG , Eintrag Ödem, https://www.beobachter.ch/gesundheit/symptom/odem-wassersucht

(6) Ein wenig Geschichte über die Heilmittel Mattei’s (aus dem italiensichen übertragen), Wien 1874, https://books.google.at/books?id=B4b9FvAIXbMC&pg=PA5&dq=wassersucht+heilmittel&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiA56mijeDlAhXvoIsKHaveCYkQ6AEIMTAB#v=onepage&q=wassersucht%20heilmittel&f=false

(7) Volksarzneimittel und einfache, nicht pharmazeutische Heilmittel gegen Krankheiten des Menschen, Johann Friedrich Osiander, Hanover 1865  https://books.google.at/books?id=F3ENAAAAYAAJ&pg=PA148&dq=wassersucht+heilmittel&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiA56mijeDlAhXvoIsKHaveCYkQ6AEIZDAI#v=onepage&q=wassersucht%20heilmittel&f=false

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