Wolfgang Bayer – Schullehrer in Böhmen im 18. Jahrhundert

Heute möchte ich einen Ausflug ins Habsburger-Kronland Böhmen machen, um den Urgroßvater meines angeheirateten Urgroßonkels vorzustellen: Wolfgang Bayer.

Wolfgang Bayer wurde am 12.5.1736 in Neumark (Vseruby) in Böhmen geboren. Seine Eltern waren Sigismund Bayer und Eva Rosina, geborene Kauerl. Sigismund Bayer war Kantor (Vorsänger oder Chorleiter im Gottesdienst). Wolfgang Bayer war das fünfte Kind der Familie, er hatte vier Schwestern und vier Brüder.

1024px Liebscher Vseruby

Bild: „Ansicht von Všeruby“ von Karel Liebscher (1851-1906), Public Domain über Wikimedia Commons

Neumark/Všeruby u Kdyne /Wscherau

Neumark ist ein Ort in Tschechien, etwa einen Kilometer von der Grenze zu Bayern entfernt. Er liegt im politischen Bezirk Taus/Domalize in der Region Pilsen am Fuße des 464 m hohen Martinsberges, auf dem sich eine weit sichtbare Kapelle mit Friedhof befindet. Im Mittelalter führte die wichtige Verkehrsverbindung von Prag nach Regensburg über den Neumarker Pass. Gleich beim Ort befindet sich ein großer See. Bis zur Aufhebung der Patrimonialherrschaften gehörte Všeruby zur Herrschaft Kunějovice (auch Kuniowitz, Kunowitz oder Kuňovice).

Im 18. und 19. Jahrhundert lebten die Einwohner von Všeruby vor allem von Töpferei, Korbflechterei und der Herstellung von Streichholzschachteln.

Beruf: Schreiber und Schullehrer

Während sein Bruder Jospeh den Fußstapfen des Vaters folgte und „Kantor und Mesner“ wurde, schlug Wolfgang Bayer (manchmal auch Wolfgang Baier oder Pajer) einen anderen Weg ein. Aus verschiedenen (teillweise lateinischen) Kirchenbucheinträgen läßt sich seine berufliche Karriere nachvollziehen:

  • 1779 (Alter 43) „ludimagister“ – Volksschullehrer in Neumark (Neoforensis) Nr. 5
  • 1784 (Alter 48) „scriba oppidi“ – Stadtschreiber in Neumark 70
  • 1789 (Alter 53) Schullehrer
Schule Vseruby
Ausschnitt aus einer alten Ansichtskarte, Schule von Neumark

Exkurs: Einführung der Schulpflicht in der Habsburgermonarchie

Am 6. Dezember 1774 wurde durch die Allgemeine Schulordung („Allgemeine Schulordnung für „die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämmtlichen Kayserl. Königl. Erbländern“) durch Maria Theresia und Joseph II die allgmeine Schulpflicht für Mädchen und Buben von sechs bis zwölf Jahren eingeführt. In vielen Orten wurden hierauf Trivialschulen (zweiklassige Volksschulen) errichtet, um Schulwege zu verkürzen.

Der Lehrplan sah für die Volksschule die Ausbildung in Rechnen, Schreiben, Lesen und Religion vor. Es wurde in der jeweiligen Landessprache unterrichtet, aber Deutsch stand ebenfalls auf dem Stundenplan. Die Lehrer bekamen die Aufgabe, die Anwesenheit der Schüler, sowie den vorgetragenen Lernstoff in eigens entwickelten Formularen zu erfassen. Es wurden Lehrbücher gedruckt und verteilt, um vorgeschrieben Lehrziele zu erreichen.

In Landeshauptstädten wurden Normalschulen eingerichtet, in welchen unter anderem auch angehende Lehrer einen vierklassigen Lehrgang absolvieren mussten.

„Industrialklassen“ in Böhmen

Böhmen entwickelte sich um Musterland im Hinblick auf das Volksschulwesen, die Analphabethenrate gehörte zu den niedrigsten in der Monarchie. Neben den oben erwähnen Grundfächern wurden in sogenannten Industrialklassen auch handwerkliche Fähigkeiten unterrichtet, wie Handarbeiten oder Obstanbau.

Der Beruf des Lehres

256px Lämpel

Lehrer Lämpel (aus Wilhelm Busch: Max und Moritz), Public domain via Wikimedia Commons

Wie sah der Alltag von Wolfgang Bayer wohl aus?

Lehrer bekamen meist ein geringes Gehalt und mussten nicht selten eine Nebenbeschäftigung (wie zB Kirchendiener) aufnehmen, um überleben zu können. Sie genossen eher wenig Ansehen. Es war allgemeine Meinung, dass nur jene Personen Lehrer wurden, die kein Handwerk erlernen konnten. Nicht selten blieb der Lehrberuf „in der Familie“, wie es auch bei den Bayers der Fall war. (Tatsächlich konnte ich einer Pilsner Zeitung von 1930 noch einen Volkschullehrer names Bayer in Neumark finden.)

Familie Bayer

1778 Bayer Wolfgang Hochzeit

Quelle: Porta Fontium, Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch 1770-1784, Všeruby (DO) 06, Archiv: Plzeň, fol 22

Am 8.7.1778 heiratete Wolfgang Bayer im Alter von 42 Jahren die 22 Jahre jüngere Barbara Weininger, Tochter von Jacob Weininger, eines Schmiedes („faber ferrarius“) aus Neumark und seiner Frau Barbara.

Stammtafel Wolfgang Bayer

Es ist anzunehmen, dass Wolfgang mit seiner Familie im Schulhaus wohnte. Die Adresse der Schule dürfte Neumark 1 gewesen sein. Wenzel Bayer, der Erstgeborene übernahm den Beruf des Vaters: Im Jahr 1802 war er Schuladjunkt und später Schullehrer („Lehrer der ersten Normalschulklasse“). Vier Söhne starben im Kindesalter an Blattern und Fraisen, ebenso die jüngste Tochter. Der jüngste Sohn, Kaspar Bayer, wanderte nach Österreich aus und wurde Ortsrichter und erster Bürgermeister von Ladendorf im Weinviertel. Über ihn folgt sicherlich noch ein eigener Artikel.

Wolfgang Bayer starb im Alter von 70 Jahren am 8.6.1806 an „Kaltem Brand“ (Absterben von Gewebe infolge einer Infektion). Seine Frau Barbara starb sieben Jahre nach ihm am 24.4.1813 an Lungensucht im Alter von 55 Jahren.

Quellen

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